Fahrrad-Weltreise

Was treibt Menschen dazu, statt Karriere auf jahrelange manchmal sogar jahrzehntelange Radreise zu gehen? „Auf großer Tour unterwegs zu sein, ist Freiheit pur und auch eine große innere Reise zu Dir selbst“ sagt einer, der es wissen muß: Tilmann Waldthaler ist Radreise-Profi. Während der letzten 27 Jahre hat er eine große Radtour nach der anderen unternommen.

Wenn Tilmann auf Reise geht, nimmt er zwei Arten von Handwerkszeug mit. Einerseits ein Mini-Laptop und dann noch die Kamera-Ausrüstung für seine Tätigkeit als Radreise-Journalist. Andererseits sein Bike, also sein eigentliches Radreise-Werkzeug. Für eine große Radreise kannst Du nicht irgendein Fahrrad nehmen. Du hast auf einer großen Tour in extremen Gebieten schon genug Materialprobleme. Deshalb ist das richtige, robuste Reisegefährt sehr wichtig. Wenn man nur unterwegs ist, ein Radreiseziel an das nächste reiht, dann geht irgendwann der Sinn der Sache verloren. Wenn Du auf Deiner Reise jedoch eine Aufgabe hast, wird sie zur Berufung. Als Reisejournalist schreibt und dokumentiert man über Menschen, Länder und Kulturen.

Auch die Radreise-Vorbereitungen sind sehr wichtig. Für seine anstehende Amerika-Fahrradreise nimmt Tilmann eine neue Kameraausrüstung mit. Eigentlich ist eine Nordamerika-Radreise nichts Spektakuläres. Nicht so, wie die Anden-Radreise oder von der Arktis nach Feuerland. „Einfach nur eine Nordamerika Radreise“ sagte er am Telefon. Nach seiner ersten Radreise durch Australien vor über 20 Jahren kamen viele weitere Radreise-Ziele hinzu. „Ich denke, zum trüben und verregneten Deutschland ist Kalifornien jetzt eine tolle Alternative“. Natürlich ist er auch auf kaltes Wetter vorbereitet, welches ihn auf dieser Radtour vor allem im Landesinneren erwartet. Bei näherem Nachfragen kommt dann doch heraus, dass die Nordamerika-Radreise lediglich der Vorbereitung auf eine spektakuläre Vorhaben ist. Von Januar bis März geht es auf dieser Radtour von San Francisco über Los Angeles, Houston, San Antonio, Charleston, New Orleans, Washington und schließlich nach New York. Je nach den jeweiligen Bedingungen kann die Tour noch modifiziert werden. Welches Ziel danach kommt, steht jetzt noch nicht fest. Die nachfolgende Radreise wird aber auf jeden Fall wieder etwas Besonderes.

Auf der Nordamerika-Radreise wird Tilmann 3 Monate unterwegs sein. Für ihn ist es wichtig, in gewissen zeitlichen Abständen dem Alltag zu entfliehen, den Kopf frei zu bekommen und auf einer Radtour auch mit der Einsamkeit klar zu kommen. „Abenteuer, Natur, Freiheit, Menschen, Neues entdecken, sich selbst entdecken. Das ist es, was Dich bewegt. Auf Reise entdeckst Du neue Werte“. Die Rahmenbedingungen für diese Radreise sind gerade besonders günstig. Eine Fahrrad-Fachzeitschrift hat Tilmann für eine ausführliche Serie engagiert. Wir werden also in regelmäßigen Abständen informiert. Nun erhalten wir doch einen Wink wohin die Reise im Anschluß gehen könnte: „Nach dem einen Jahr während der Australien-Radreise ist ihm relativ schwer gefallen, sich wieder an das Leben in Deutschland zu gewöhnen. Damit ihm das nicht wieder passiert, hat er für die nächste Radtour den zeitlichen Rahmen nicht mehr limitiert. Vor und nach der Radreise bleibt somit genügend Eingewöhnungszeit. „Eigentlich kommt man deshalb zurück, um wieder Geld für die nächste Tour zu verdienen. Auf Reise zu gehen ist wie eine Sucht. Der Aufwand für die Vorbereitung für die neue große Fahrradreise wird höher sein als jede andere zuvor. Um es einmal so zu formulieren: Geringer als für die Nordamerika-Tour hätte der Aufwand kaum sein können. Schnell ein paar Sachen gepackt, das Visum online besorgt, das Fahrrad in eine Pappkiste gesteckt und ab die Post. Bei der Auswahl des Equipments wird er etwas kritischer und penibler sein, damit die Radreise keine unnötigen Unterbrechungen ereilt.

Bei der Kanada-USA-Radreise hat Tilmann sich kaum Gedanken über das Gewicht gemacht. Das neue Radreise-Ziel wird gewichtsoptimiert angegangen. Kein Wunder, denn im Anschluß führt die Fahrradreise in die Höhen des Himalaya. Vorher wird es jedoch noch einen Zwischenstopp in Neuseeland geben: Neuseeland ist ein Land der Kontraste und gerade deshalb ein reizvolles Ziel. Auf einer Fläche, die etwa der der alten Bundesländer entspricht, leben 3,5 Mio. Menschen und deutlich mehr Schafe. Die Natur Neuseelands ist abwechslungsreich und oft spektakulär. Sie hat genau das, was man mit dem Fahrrad erleben will. Die Wetterbedingungen sind mitunter extrem und deshalb eine Herausforderung für echte Radreise-Abenteurer. Erstes Ziel der Neuseeland-Radreise ist Auckland. Auckland ist das unumstrittene Businesszentrum Neuseelands. In den Backpackers findet man zahllose Gleichgesinnte, die sich ebenfalls auf Ihrer Reise befinden. Wer seine Tour nicht alleine fortsetzen will, findet dort sicher Leute zum Zusammentun. Aus Auckland raus ist die Radroute eine lärmende Angelegenheit . Doch schon nach einer Tagesetappe wird das Radeln wieder zum Genuß. Das neuseeländische Nordkap ist für diese Tour ein Muss.

Wer seine Neuseeland-Radreise beschleunigen will, kann auf dem Rückweg gen Süden sein Rad im Bus mitnehmen. Nächste Radreise-Etappe auf der Nordinsel ist der Tongariro National Park. Hier lohnt es sich, für ein paar Tage zu unterbrechen und per Pedes auf Entdeckungstour zu gehen. Danach geht die Fahrradreise am Wanganui weiter. 200 km vor Wellington nimmt der Verkehr erheblich zu und es lohnt sich wieder die Reise per Bus fortzusetzen. Nach dem Übersetzen mit der Fähre auf die Südinsel beginnt nun die eigentliche Neuseeland-Radreise. Die Südinsel, vor allem im Zentrum und an der Westküste bietet ideale Radreise-Bedingungen. Die Westküste gilt als wahres Radreise-Paradies. In den Southern Alps bietet diese Fahrradreise wieder Möglichkeit per Pedes auf Entdeckungstour zu gehen. Weiter geht es nach Osten. Ein Abstecher nach Christchurch ist auf jeder Südinsel-Radreise ein Muss. Hier ein Kommentar eines Bikers: „Fast 100 km bis Omarama ist die heutige Radreise-Etappe lang. Kaum interessante Landschaft in Sicht, nur kahle Berge und abgezäunte Weiden rechts und links – Radreise Einerlei. Lediglich um den kleinen Ort Twizel stehen Bäume. Diese Besonderheit schlägt sich auch gleich im Ortsschild nieder. Die Sonne brennt bei der heutigen Etappe erbarmungslos auf der Haut. Außerdem sind die Sandflies wieder sehr aktiv. Sensiblen Gemütern können die kleinen Biester den Tag echt verderben. Weiter geht es etwas abseits der Küste auf dem Highway 1. Ständig steil rauf und runter. Dieser Abschnitt ist eine echte Berg- und Taltour. Beim Anstieg der letzten Streckenabschnitte fast vom Hitzeschlag erwischt, geht das Reise-Abenteur jetzt etwas geruhsamer weiter“.

Auf den meisten Fahrradreisen gibt es wenigstens einen toten Punkt, wo Du Dich fragst, wozu das alles. Tilman sagt, dass es nicht darum geht, ob das Radreisen einen Sinn hat, sondern ob Du der ihm einen Sinn geben kannst. Wie im normalen Leben, so ist es auch unterwegs: Tiefpunkte kommen und gehen. In vielen Radreiseberichten findet man Ausführungen zum mentalen Befinden. Eine Weltreise ist kein Urlaub. Deine Reise wird für Dich zum Alltag. Wenn Du glaubst, Deine große Traum-Radreise macht einen anderen Menschen aus Dir, dann täuscht Du Dich. Ob Alltag zu Hause oder auf dem Fahrrad irgendwo in der fernen Welt – Du bleibst doch immer derselbe. Natürlich veränderst Du Dich im Laufe der Jahre. Aber das tust Du auch, wenn Du nicht in der Weltgeschichte unterwegs bist. Die größte Herausforderung bist Du selbst. Vor allem, wenn Du allein unterwegs bist, bist Du mit der nackten Realität Deines Selbst konfrontiert. Auf diese Weise lernst Du, Dich besser kennen. Wenn Du mit Dir im Reinen bist, haben auch langweilige Etappen ihren Reiz. Wenn Du die Stille und Einsamkeit aushälst, wird das Reisen zur Meditation. Alles im Leben hat ein Ende. So auch die längste Weltreise. Die Umstellung vom Radreise-Leben in den Alltag fällt vielen Globeradlern schwer. So lange Du vom Radreise-Fieber befallen bist, dient die Zeit von der einen Radreise zur nächsten eigentlich nur der Vorbereitung. Mancher wird dieses Fieber ein Leben lang nicht los.

Tipps für interessante Reise- und Outdoor-Websites:

Tourenbeschreibungen, Reiseberichte, Angebote für Pauschalreisen, ein umfangreiches Linkverzeichnis und viele weitere Informationen zum Radtourismus gibt es bei www.rad-reise-service.de
Im Internet-Shop von “Tapir” gibt es eine reichhaltige Auswahl für Fahrradbekleidung von Qualitätsmarken.